Schafe hüten kann jeder. Und wer macht den Papierkram?
Samstagabend, 19:45 Uhr – oder warum Schäfer sein manchmal ganz anders ist, als man denkt:

Meine Hunde sind längst in ihrer Tiefschlafphase. Glen liegt sicherheitshalber mit seinem Kopf auf meinem Fuß, damit er nicht verpasst, wenn ich aufstehe. Er könnte ja ein Abenteuer verpassen. Und das wäre schließlich eine Katastrophe, von der er sich vermutlich tagelang nicht erholen würde.
Während andere vermutlich gemütlich vor dem Fernseher sitzen, sitze ich im Büro. Man glaubt gar nicht, was so ein kleiner Haufen Schafe und Ziegen für einen Papierkram verursachen kann.
Nachdem ich zwei Stunden diszipliniert gescannt, gelocht und abgeheftet habe, erlaube ich meinen Gedanken, auf die Reise zu gehen. Ich bin eben nicht fürs Lochen, Abheften und Büro gemacht. Sonst hätte ich vermutlich versucht, die Weltherrschaft als Beamtin zu übernehmen.
Stattdessen wandern meine Gedanken zurück in mein kleines Schafimperium und zu den Herausforderungen dieser Woche. Und davon gab es, wie eigentlich immer, mehr als genug.
Von verschwundenen Schafen und Hunden, die mitdenken dürfen
Die größte Challenge bestand heute darin, von einer zwar fest eingezäunten, aber ziemlich unübersichtlichen Heidefläche an der Autobahn alle Tiere einzusammeln und zum nächsten Auftrag zu transportieren.
Einmal um die Fläche herumgegangen, die Tiere gerufen – und ungefähr die Hälfte kommt tatsächlich. Der Rest hat sich entweder gut versteckt oder ist zu dem Schluss gekommen: Lass die Alte doch rufen. Das geht uns überhaupt nichts an.
Also müssen Poppy und Jet ran.
Ein Hund rechts, ein Hund links, beide zum Outrun geschickt. Es dauerte etwas länger als sonst. Was allerdings kein Wunder ist . Die Fläche ist groß, unübersichtlich und voller Möglichkeiten, sich als Schaf oder Ziege unsichtbar zu machen. Da müssen die Hunde schon ein bisschen suchen, bis sie wirklich alle Tiere gefunden und vor allem bis zum Anhänger gebracht haben.
Während ich mich in Geduld übe und weder rufe noch pfeife, frage ich mich, wie das wohl Menschen machen, die ihren Hunden das Mitdenken abgewöhnt haben.
Die ihrem Border Collie beibringen, sich am Schaf nur dann zu bewegen, wenn es ausdrücklich angeordnet wird. Und natürlich auch nur in genau die Richtung, die der Mensch gerade für richtig hält.
Ich stelle mir vor, wie man unter diesen Voraussetzungen hier 30 Tiere zusammensammelt. Da könnte man vermutlich schon mal den nächsten Arbeitstag vorsorglich mit einplanen.
Aber vielleicht bin ich auch einfach zu untalentiert und naiv.
Ich lasse meinen Hunden in solchen Momenten jedenfalls die Freiheit zur kreativen Mitarbeit. Schließlich gehe ich grundsätzlich davon aus, dass wir alle dasselbe Ziel verfolgen.
Also zumindest die Hunde und ich.
Die Schafe und Ziegen haben da möglicherweise andere Vorstellungen. Bei denen steht der gemeinsame Erfolg vermutlich nicht ganz oben auf der persönlichen Prioritätenliste. Die würden lieber noch ein bisschen Heide fressen, sich hinter der nächsten Kiefer verstecken oder grundsätzlich infrage stellen, warum sie jetzt überhaupt irgendwohin gehen sollten.
Nach etwa drei Minuten tauchen Poppy und Jet wieder auf. Etwas aus der Puste, aber durchaus zufrieden mit sich selbst. Vor sich her treiben sie eine gemütlich vorwärts trabende Gruppe Schafe und Ziegen aus einer Kieferngruppe.
Einmal durchzählen.
Perfekt. Alle da.
Manchmal ist es eben ganz hilfreich, wenn die Hunde nicht nur Befehle ausführen, sondern auch ihren eigenen Kopf benutzen dürfen.
Dann machen wir uns mal ans Verladen. Mit etwas Nachdruck der Hunde steigen schließlich auch die letzten Tiere in den Anhänger.
Auftrag erledigt.
Und während die Hunde sich später ihrem wohlverdienten Schönheitsschlaf widmen, sitze ich nun hier und sortiere Papier.
Aber während ich so vor mich hin loche und abhefte, gehen meine Gedanken noch ein Stück weiter. Denn diese kleine Szene mit den Hunden beschreibt eigentlich ziemlich gut, was mich an meinem Beruf so fasziniert: Man muss ständig Situationen einschätzen, Entscheidungen treffen, flexibel bleiben und sich darauf verlassen können, dass nicht immer alles nach Plan läuft.
Und genau das ist etwas, das ich bisher fast jeden Tag auf Social Media mit Dir geteilt habe.
Von Besserwissern, Berufserklärern und der Frage, wer eigentlich noch mitliest
Bisher habe ich euch fast täglich mitgenommen. In meinen Alltag, zu den Tieren, auf die Flächen und mitten hinein in die Herausforderungen, die dieser Beruf so mit sich bringt. Mal gab es etwas zu lachen, mal etwas zum Nachdenken und gelegentlich vermutlich auch etwas, bei dem sich der eine oder andere gefragt hat, ob bei mir eigentlich noch alles ganz dicht ist.
Der Gedanke, künftig weniger auf Social Media zu schreiben und Dich stattdessen mehr hier im Blog mitzunehmen, ist nicht zuletzt deshalb gewachsen, weil es sie eben immer wieder gibt: die Besserwisser.
Menschen, die eine ganze Menge Meinung ihr Eigen nennen, aber mit dem Wissen dazu eher sparsam ausgestattet sind. Die mir meinen Beruf erklären möchten, ohne auch nur einen einzigen Tag einen Betrieb geführt, Schafe und Ziegen versorgt, Hütehunde oder Herdenschutzhunde ausgebildet oder einen Elektrozaun auf- und wieder abgebaut zu haben.
Manchmal frage ich mich, woher diese Sicherheit kommt, mit der Menschen Dinge beurteilen, die sie selbst noch nie gemacht haben.
Vermutlich ist es wie beim Fußball. Elf Freunde, ein Sofa und eine sehr klare Vorstellung davon, was die Mannschaft falsch macht. Nur dass ich statt elf Fußballern eben 900 Schafe und Ziegen, diverse Hunde, mehrere Weideflächen und einen Betrieb habe, der irgendwie laufen muss.
Und nein, bevor jetzt jemand Schnappatmung bekommt: Ich behaupte keineswegs, alles richtig oder perfekt zu machen.
Ganz im Gegenteil. Auch mir passieren immer noch genügend Fehler. Ich lerne jeden Tag dazu, treffe Entscheidungen, die sich später vielleicht als nicht ganz so genial herausstellen, und muss gelegentlich feststellen, dass die Theorie auf dem Papier mit der Realität auf der Weide ungefähr so viel gemeinsam hat wie ein Plüschtier mit einem ausgewachsenen Herdenschutzhund.
Ich bin offen für Kritik. Ich bin auch offen dafür, dazuzulernen und Dinge anders zu machen. Stillstand ist in diesem Beruf ohnehin keine besonders erfolgversprechende Strategie.
Aber es macht eben einen Unterschied, ob jemand etwas hinterfragt, weil er verstehen möchte, oder ob jemand etwas besser weiß, ohne überhaupt zu wissen, worüber er redet.
Und manchmal verliert man in solchen Diskussionen einfach die Lust, andere mitzunehmen. Nicht, weil man keine Fragen beantworten möchte. Sondern weil man irgendwann keine Lust mehr hat, sich für jeden Handgriff rechtfertigen zu müssen.
Deshalb möchte ich künftig lieber hier schreiben. In meinem eigenen kleinen Blogrevier. Ohne dass unter jedem Beitrag gleich eine Grundsatzdiskussion darüber ausbricht, wie man einen Elektrozaun, einen Hütehund oder gleich den gesamten Berufsstand richtig zu bedienen hat.
Wer mitlesen möchte, ist herzlich willkommen. Wer Fragen hat, darf sie gerne stellen. Und wer etwas zu sagen hat, das tatsächlich zum Nachdenken anregt, sowieso.
Nur die Weltherrschaft über meinen Berufsalltag muss ich leider selbst behalten.
Warum wird man eigentlich Schäfer?
Die meisten meiner Kollegen lieben die Freiheit, die Arbeit mit den Tieren und die begrenzte Zahl an Menschen, mit denen man sich auseinandersetzen muss.
So zumindest die Theorie.
Mein Alltag sieht häufig etwas anders aus.
Menschenkontakte gibt es durchaus in herausfordernder Anzahl. Von der Kindergartengruppe, die die Herde besuchen möchte, bis zum Jagdpächter, der etwas zu mosern hat, weil die Ausgleichsflächen eingezäunt werden, damit sie direkt an der Autobahn so beweidet werden können, dass Schafe und Ziegen vor dem Wolf geschützt sind.
Dass diese Ausgleichsflächen nicht in erster Linie für Reh und Wildschwein geschaffen wurden, sondern Lebensräume für bestimmte Arten bieten sollen, die offene Standorte brauchen – Eidechsen zum Beispiel –, ist für manche offenbar schwer nachvollziehbar.
Und dann stehe ich dazwischen.
Ich muss die Tiere sicher unterbringen, den naturschutzfachlichen Anforderungen gerecht werden, die Vorgaben meiner Auftraggeber erfüllen und gleichzeitig erklären, warum eine bestimmte Maßnahme sinnvoll und notwendig ist. Und das möglichst so, dass sich hinterher niemand persönlich beleidigt fühlt.
Was nicht immer gelingt. Manchmal ist das vermutlich auch schlicht nicht zu schaffen.
Denn die Interessen könnten unterschiedlicher kaum sein.
Der eine möchte ungestört spazieren gehen. Der nächste möchte Wild beobachten. Der dritte möchte möglichst keinen Zaun sehen. Der vierte möchte, dass die Fläche naturschutzfachlich optimal gepflegt wird. Und der fünfte findet, dass Schafe dort zwar gerne grasen dürfen, aber bitte nicht im Weg stehen, nicht riechen, nicht blöken und möglichst auch keine Hinterlassenschaften produzieren sollten.
Ich wiederum möchte eigentlich nur meinen Auftrag erledigen, meine Tiere vernünftig versorgen und dafür sorgen, dass am Ende alle gesund und munter nach Hause kommen.
Manchmal habe ich den Eindruck, dass die eigentliche Herausforderung der Landschaftspflege nicht darin besteht, eine Herde über eine Fläche zu treiben, sondern darin, sämtliche menschlichen Erwartungen gleichzeitig unter einen Hut zu bekommen.
Und der Hut ist verdammt klein.
Mehr als Schafe hüten
Schäfer zu sein bedeutet heute längst mehr, als mit einer Herde über die Landschaft zu ziehen und darauf zu achten, dass kein Tier verloren geht.
Wir sind Landschaftspfleger, Tierhalter, Betriebsleiter, Ausbilder, Logistiker, Konfliktmanager und gelegentlich auch noch Fremdenführer für Menschen, die wissen möchten, was die Schafe da eigentlich machen.
Wir sind das Bindeglied zwischen Naturschutz und einer Bevölkerung, die die Natur zur Erholung nutzt. Wir müssen erklären, vermitteln, organisieren und manchmal auch einfach aushalten, dass nicht jeder versteht, warum wir etwas so machen, wie wir es machen.
Und mittendrin stehe ich.
Mit meinen Schafen und Ziegen, meinen Hunden, meinen Aufträgen und einer To-do-Liste, die sich offenbar selbstständig vermehrt.
Ich muss dafür sorgen, dass die Flächen ordentlich beweidet werden, dass die Tiere gesund bleiben, dass die Zäune funktionieren und dass die Hunde ihre Arbeit machen können. Ich muss Termine koordinieren, Transporte organisieren, mit Auftraggebern kommunizieren und auf Probleme reagieren, die sich selbstverständlich bevorzugt dann einstellen, wenn man ohnehin schon genug zu tun hat.
Denn die Natur hält sich bekanntlich nicht an Bürozeiten.
Der Wolf auch nicht. Die Schafe sowieso nicht. Und die Technik hat gelegentlich ebenfalls ihre ganz eigenen Vorstellungen davon, wann sie funktionieren möchte.
Und wenn die Arbeit draußen erledigt ist? Dann wartet das Büro.
Wer jetzt glaubt, dass nach einem langen Tag draußen Feierabend ist, der hat die Rechnung ohne die Büroarbeit gemacht.
Am Abend warten Rechnungen darauf, geschrieben zu werden. Belege müssen sortiert, Beweidungstagebücher vervollständigt und Unterlagen für Auftraggeber und Behörden zusammengestellt werden. Dann wollen noch Päckchen mit schönen Dingen aus dem Wollshop gepackt werden, damit jemand anderes sich über ein bisschen Schafwolle freuen kann.
Und natürlich muss man auch kaufmännisch den Überblick behalten.
Was kostet mich ein Auftrag tatsächlich? Sind die gestiegenen Ausgaben für Futter, Diesel, Tierarzt und Löhne in meiner Kalkulation berücksichtigt? Sind die Rechnungen bezahlt? Reicht die Liquidität, bis die nächste Abschlagszahlung eingeht? Habe ich an alles gedacht, was dokumentiert werden muss?
Fragen, die sich leider nicht dadurch erledigen, dass man sie ignoriert.
Es verlangt von einer Schäferin also deutlich mehr, als sich morgens die Gummistiefel anzuziehen und dafür zu sorgen, dass 900 Tiere satt werden.
Wobei das mit dem Sattwerden natürlich schon eine Aufgabe für sich ist. Besonders dann, wenn die Tiere der Meinung sind, dass das Gras auf der anderen Seite des Zaunes grundsätzlich besser schmeckt.
Man braucht Organisationstalent, kaufmännisches Verständnis, Menschenkenntnis, Geduld, Entscheidungsfreude und eine gewisse Leidensfähigkeit. Und die Fähigkeit, auch dann noch einen klaren Kopf zu behalten, wenn drei Dinge gleichzeitig schiefgehen und das vierte gerade anfängt.
Vermutlich gehört auch eine gesunde Portion Humor dazu.
Sonst würde man das alles auf Dauer nicht überstehen.
Und was bleibt am Ende des Tages?
Am Ende bleibt die Verantwortung für die Tiere, die einem jeden Tag aufs Neue vertrauensvoll folgen. Zumindest meistens. Manchmal muss man ihnen auch erst erklären, dass die Richtung, in die sie gerade laufen, nicht unbedingt die ist, die wir gemeinsam eingeschlagen hatten.
Es bleiben die Momente, in denen die Hunde ihre Arbeit machen, die Herde ruhig vorwärtszieht und man weiß: Das hat jetzt einfach funktioniert.
Es bleiben die kleinen Erfolge auf einer Fläche, die sich dank der Beweidung verändert. Die Rückmeldung eines Auftraggebers, dass die Arbeit gut war. Ein fertig gepacktes Wollpaket. Und gelegentlich auch der Gedanke, dass man trotz all der Herausforderungen genau dort ist, wo man sein möchte.
Denn bei aller Bürokratie, bei allen Diskussionen und bei all den Menschen, die meinen, meinen Beruf besser erklären zu können als ich ihn ausübe, würde ich vermutlich trotzdem nicht tauschen wollen.
Ich bin eben Schäferin. Aus Überzeugung und mit allem, was dazugehört.
Und während Glen immer noch meinen Fuß bewacht, als hinge das Schicksal der Farm davon ab, ob ich mich bewege, sitze ich hier und schreibe diesen Text.
Vielleicht sollte ich mir auch einfach einen Border Collie anschaffen, der mir das Lochen und Abheften abnimmt. Wobei ich die Befürchtung habe, dass er nach kurzer Zeit anfangen würde, die Ablage eigenständig zu organisieren.
Und vermutlich würde er dabei feststellen, dass der ganze Papierkram völlig unnötig ist.
Was mich wieder zu der Überlegung bringt, ob ich nicht doch lieber die Weltherrschaft übernehmen sollte.
Als Beamtin.
Aber dafür müsste ich erst mal lernen, meine Gedanken beim Lochen und Abheften zu behalten.
Und das wird vermutlich nichts mehr.


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