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Ein heißer Sommer und die Frage, was sich gerade verändert

nadinequinn7
5. Sept.
6 Min. Lesezeit

Vor ein paar Tagen sind meine Ziegen und Dexter-Rinder im Moor ein Stück weitergezogen. Für einen Moment erinnerte die Szenerie fast an die Idylle an einem Wasserloch: die Tiere am Wasser, drum herum die Weite des Moores.

Ein schönes Bild.

Und gleichzeitig eines, das mich nachdenklich stimmt.

Dieser Sommer war heiß. Deutlich heißer als die Sommer der vergangenen Jahre. Und wenn man derzeit über unsere Moorflächen läuft, fällt noch etwas anderes auf: Dort, wo man eigentlich nasse Füße erwarten würde, ist es vielerorts erstaunlich trocken.

Nicht staubtrocken. Und auch nicht so trocken, dass unsere Ziegen und Rinder dort kein Futter mehr finden würden. Die Vegetation bietet ihnen noch ausreichend Nahrung. Aber eben deutlich trockener, als man es von einem Moor erwarten würde.

Natürlich ist ein heißer Sommer noch kein Beweis für den Klimawandel. Wetter ist nicht Klima. Einzelne trockene Jahre hat es immer gegeben und wird es auch weiterhin geben. Entscheidend ist die Entwicklung über Jahrzehnte.

Trotzdem lohnt es sich, genau hinzusehen.

Denn für uns Schäfer und Weidetierhalter ist Klimawandel keine abstrakte Kurve in irgendeiner Statistik. Wir erleben Wetter und seine Folgen jeden Tag unmittelbar draußen.

Trockenheit hat Schäfereien in verschiedenen Regionen Deutschlands in den vergangenen Jahren vor erhebliche Herausforderungen gestellt. Es geht dabei um sehr praktische Fragen: Werden die Tiere auf den Flächen noch satt? Wächst nach einer Beweidung genügend Futter nach? Können ausreichende Mengen Winterfutter produziert werden? Und lassen sich die mit unseren Auftraggebern vereinbarten Beweidungs- und Naturschutzziele unter veränderten Bedingungen überhaupt noch so erreichen wie geplant?

Gleichzeitig verändert Wärme noch etwas anderes. Tierseuchen wie die Blauzungenkrankheit (BTV), die durch Gnitzen übertragen wird, beschäftigen die Schafhaltung inzwischen wieder massiv. Auch Parasiten und insbesondere der Magen-Darm-Wurmdruck können unter bestimmten Witterungsbedingungen zu einer erheblichen Herausforderung werden.

Das Interessante daran ist: Klimawandel bedeutet für die Landwirtschaft eben nicht einfach nur „es wird wärmer“.

Es bedeutet Veränderung.

Und diese Veränderungen können ziemlich widersprüchlich sein. Ein warmer Sommer kann trocken sein – ein anderer warm und niederschlagsreich. Ein milder Winter kann Vorteile bringen, gleichzeitig aber Parasiten und Krankheitsüberträger begünstigen. Eine längere Vegetationsperiode klingt zunächst positiv, hilft aber wenig, wenn genau in der entscheidenden Wachstumsphase das Wasser fehlt.

Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber diskutieren, ob sich jeder einzelne heiße Tag dem Klimawandel zuschreiben lässt.

Die interessantere Frage ist doch: Verändern sich die Bedingungen, unter denen wir Landwirtschaft, Tierhaltung und Naturschutz betreiben?

Wenn ich heute mit meinen Ziegen und Rindern durch ein Moor ziehe und dabei an ein Wasserloch in einer trockenen Landschaft denken muss, dann ist das zunächst nur eine persönliche Momentaufnahme.

Aber es ist eine, bei der es sich lohnt, genauer hinzusehen.


Was sagen eigentlich die Zahlen?

Persönliche Wahrnehmung ist das eine. Klimawandel lässt sich aber nicht daran festmachen, ob ich in einem bestimmten Sommer im Moor trockene Füße bekomme oder ob meine Schafe weniger Futter finden.

Also lohnt sich ein Blick auf die Zahlen.

Und die zeigen tatsächlich eine Entwicklung.

Der Deutsche Wetterdienst verfügt für Deutschland über Temperaturmessreihen, die bis ins Jahr 1881 zurückreichen. Vergleicht man nicht einzelne heiße Tage oder einzelne Sommer miteinander, sondern längere Zeiträume, wird der Unterschied deutlich.

Schon die verschiedenen 30-jährigen Klimaperioden zeigen, was passiert ist. Die durchschnittliche Jahrestemperatur in Deutschland lag 1961–1990 bei 8,2 °C. Im Zeitraum 1971–2000 waren es 8,6 °C, 1981–2010 bereits 8,9 °C und im Zeitraum 1991–2020 schließlich 9,3 °C.

Innerhalb weniger Jahrzehnte hat sich damit auch das verändert, was wir als „normal“ bezeichnen.

Und nun kommt der Sommer 2026.

Mit durchschnittlich 19,6 °C für die Monate Juni, Juli und August lag er rund 2,0 °C über dem Sommermittel der Jahre 1991–2020 von 17,6 °C.

Interessant ist für mich besonders der Vergleich mit den unmittelbar vergangenen Jahren. Der Sommer 2025 kam deutschlandweit auf 18,3 °C. 2026 war damit im Mittel über drei komplette Monate rund 1,3 °C wärmer als der Sommer zuvor.

Das klingt zunächst vielleicht nicht spektakulär. Schließlich erleben wir an einem einzigen Tag Temperaturschwankungen von zehn oder zwanzig Grad.

Aber bei einem Mittelwert über ganz Deutschland und über drei Monate ist ein Unterschied von mehr als einem Grad erheblich.

Damit bestätigt die Statistik zunächst meine ganz persönliche Wahrnehmung: Ja, dieser Sommer war wirklich heiß. Und ja, er war deutlich wärmer als die unmittelbar vorhergehenden Sommer.

Aber genau hier müssen wir aufpassen.

Denn ein heißer Sommer ist noch kein Klimawandel.

Auch früher gab es außergewöhnlich heiße Sommer, genauso wie es in Zukunft trotz der globalen Erwärmung wieder kühle und nasse Sommer geben wird. Klima beschreibt nicht das Wetter eines einzelnen Jahres, sondern die Entwicklung über lange Zeiträume.

Und genau diese langfristige Entwicklung ist inzwischen schwer zu übersehen. Der DWD weist selbst darauf hin, dass die Lufttemperatur in Deutschland infolge des menschengemachten Klimawandels einen klaren und konsistenten Trend zeigt.

Das bedeutet allerdings nicht, dass Deutschland künftig jeden Sommer einfach nur gleichmäßig heißer und trockener wird.

Und genau dieser Unterschied ist für Schäfer und auch Landwirte entscheidend.


Wärmer bedeutet nicht automatisch trockener

Wenn wir über Klimawandel sprechen, werden zwei Dinge schnell miteinander vermischt: Temperatur und Niederschlag.


Ein warmer Sommer muss nicht zwangsläufig ein trockener Sommer sein. Es kann insgesamt sogar ausreichend Niederschlag fallen und trotzdem können landwirtschaftliche Flächen zeitweise unter erheblicher Trockenheit leiden.

Entscheidend ist nämlich auch, wann und wie der Regen fällt.


Für eine Weide helfen 50 Liter Niederschlag innerhalb eines heftigen Gewitters nicht in gleicher Weise wie regelmäßig verteilte Niederschläge über mehrere Wochen. Ein Teil läuft oberflächlich ab. Gleichzeitig führt eine höhere Temperatur zu stärkerer Verdunstung.

Für mich als Schäferin ist deshalb weniger entscheidend, wie viele Liter Niederschlag am Ende eines Jahres in irgendeiner Statistik stehen.

Entscheidend ist, ob das Gras wächst, wenn meine Tiere es brauchen.

Ob nach einer Beweidung genügend Aufwuchs nachkommt.

Ob ich eine Fläche nach einigen Wochen erneut nutzen kann.

Ob genügend Winterfutter produziert werden kann.

Und ob eine Moorfläche im August tatsächlich noch ein Moor ist, in dem man besser nicht mit guten Schuhen spazieren geht.


Klimawandel findet nicht nur auf dem Thermometer statt

Dazu kommt ein Punkt, der in der öffentlichen Diskussion aus meiner Sicht häufig zu kurz kommt.

Landwirtschaft erlebt Klima nicht nur als Temperatur.

Wir erleben es über Pflanzenwachstum, Bodenfeuchtigkeit, Wasserverfügbarkeit, Parasiten, Insekten und Krankheiten.

Die Blauzungenkrankheit ist dafür ein gutes Beispiel. BTV wird nicht von Tier zu Tier wie eine klassische ansteckende Erkrankung übertragen, sondern vor allem durch winzige blutsaugende Gnitzen. Damit spielen auch die Lebensbedingungen dieser Insekten eine Rolle.

Für einen Schäfer bedeutet ein verändertes Klima deshalb möglicherweise nicht nur weniger Gras.

Es kann auch bedeuten, dass wir uns mit Krankheiten, Parasiten und Zeiträumen auseinandersetzen müssen, die früher in dieser Form oder Intensität keine so große Rolle gespielt haben.

Und irgendwann wird aus einer abstrakten Temperaturkurve etwas sehr Konkretes:


Wie bekomme ich meine Tiere satt?Wie halte ich sie gesund?Wie erreiche ich meine Beweidungsziele?Und wie produziere ich genügend Futter für den Winter?


Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem die Diskussion über Klimawandel für mich interessant wird.

Nicht bei der Frage, ob ein einzelner heißer Tag nun „der Klimawandel“ war.

Sondern bei der Frage, ob sich die Bedingungen, unter denen wir unsere Tiere halten und unsere Landschaft pflegen, langfristig verändern.

Die Zahlen sagen: Ja, es wird wärmer.

Und wenn man täglich draußen arbeitet, beginnt man zunehmend zu verstehen, was dieser nüchterne Satz in der Praxis bedeuten kann.


Was bleibt?

Vielleicht ist es genau das, was mich an diesem Bild meiner Ziegen und Rinder am Wasser so nachdenklich gemacht hat.

Klimawandel ist für mich keine Diskussion, die nur in Talkshows, auf Klimakonferenzen oder in Temperaturkurven stattfindet. Ich arbeite draußen. Meine Tiere leben draußen. Und damit sind wir unmittelbar davon abhängig, was auf unseren Flächen passiert.

Und um eines ganz klar zu sagen: Ich zweifle nicht daran, dass sich unser Klima verändert. Und ich glaube auch nicht, dass wir es uns leisten können, diese Veränderungen kleinzureden oder einfach abzuwarten.

Natürlich hat es schon immer heiße Sommer gegeben. Es hat Dürren gegeben, nasse Jahre, milde Winter und bitterkalte Winter. Ein einzelner heißer und trockener Sommer ist für sich genommen noch kein Beweis für den Klimawandel.

Aber wir betrachten längst nicht mehr nur einen einzelnen Sommer. Die langfristigen Messreihen zeigen eine deutliche Erwärmung. Und vieles von dem, was dort als Zahlen und Kurven erscheint, begegnet uns Menschen, die jeden Tag draußen arbeiten, ganz praktisch.

Wir sehen, was Trockenheit mit unseren Flächen macht. Wir erleben, wenn der Aufwuchs ausbleibt oder früher endet. Wir müssen unsere Tiere trotzdem satt bekommen und Winterfutter produzieren. Wir beschäftigen uns mit Parasiten, Tierseuchen und neuen Herausforderungen und sollen gleichzeitig mit unseren Tieren Landschaften erhalten und Naturschutzziele erreichen.

Deshalb glaube ich, dass wir den Klimawandel ernst nehmen müssen.

Nicht irgendwann, sondern jetzt.

Und ernst nehmen bedeutet für mich nicht, in Panik zu geraten. Es bedeutet hinzusehen, wissenschaftliche Erkenntnisse anzuerkennen und darüber nachzudenken, was wir verändern können und verändern müssen.

Dabei wird es nicht die eine einfache Lösung geben. Landwirtschaft, Naturschutz, Energie, Mobilität, Wirtschaft und unser ganz persönlicher Lebensstil gehören alle zu dieser Diskussion. Und Veränderungen werden nicht immer bequem sein.

Aber nichts zu verändern, nur weil Veränderungen schwierig sind, kann auch keine Lösung sein.

Gerade wir in der Landwirtschaft wissen eigentlich sehr gut, dass man sich an veränderte Bedingungen anpassen muss. Wir arbeiten mit der Natur und nicht unabhängig von ihr.

Vielleicht ist es deshalb manchmal ein ganz unspektakulärer Moment, der einem vor Augen führt, worüber wir eigentlich reden:

Ein paar Ziegen, einige Dexter-Rinder und ein Wasserloch mitten im Moor.

Ein schönes Bild.

Aber in diesem Sommer für mich auch ein nachdenkliches.

Denn wenn selbst ein Moor uns zeigt, dass sich etwas verändert, sollten wir bereit sein hinzusehen – und zu handeln.

 
 
 

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