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Internationales Hirtenjahr – aber ohne Hirten?

  • nadinequinn7
  • vor 3 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit


2026 wurde von den Vereinten Nationen zum Internationalen Jahr der Weidelandschaften und des Hirtentums erklärt. Gleichzeitig ist es das Internationale Jahr der Frauen in der Landwirtschaft. Und damit es nicht zu übersichtlich wird, ist die Heidschnucke auch noch das bedrohte Tier des Jahres.

Man könnte fast meinen, jemand habe beim Kalenderausfüllen gedacht: „Ach komm, das passt alles noch rein.“

Es gäbe also eine ganze Menge, worüber ich schreiben könnte. Hirten weltweit. Frauen, die Landwirtschaft stemmen. Alte Nutztierrassen, die unsere Landschaft prägen.

Aber ganz ehrlich: Hat eigentlich irgendjemand darüber nachgedacht, dass das für Menschen, die mit Schafen, Landwirtschaft oder Frauen in der Landwirtschaft nichts zu tun haben, vielleicht ein bisschen viel auf einmal ist?

Und die, die mitten drin stecken?Die haben gerade ganz andere Sorgen.

Während wir gefeiert werden, zäunen wir

Wer einen Betrieb führt, verbringt seine Zeit selten mit UN-Erklärungen. Wir zäunen. Wir rechnen. Wir flicken. Wir diskutieren. Und wir schlafen – wenn es gut läuft – zwischendurch auch mal.

Kein Thema spaltet meinen Berufsstand derzeit so sehr wie der Wolf.

Neulich sagte ein Kollege, der schon deutlich länger Herdenschutzhunde einsetzt als ich:„Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.“

Das klingt wie ein Spruch aus einem Motivationskalender mit Sonnenuntergang. Ist aber leider wahr.

Es bringt nichts, immer noch nach Quotenabschüssen zu rufen, während gleichzeitig mühsam erkämpfte Präventionsmaßnahmen gefährdet werden. Lobbyinteressen helfen mir nachts auf der Weide ungefähr so viel wie ein Regenschirm im Orkan.

Gleichzeitig wünsche ich mir vom Lager der Wolfsaktivisten deutlich mehr Sachlichkeit. Weniger Empörung, mehr Praxisbezug. So romantisch das Bild vom frei ziehenden Wolf auch sein mag – meine Schafe sehen das naturgemäß etwas differenzierter.

Zwischen „Schießt sie alle ab“ und „Der Wolf war zuerst da“ müsste es doch noch Raum für Realität geben.

Herdenschutz ist kein Wunschkonzert

Auch der Schutz mit Hunden hat Grenzen. Das muss ich in meinem Betrieb täglich abwägen.

Ich kann nicht jede Briefmarke, auf der fünf Schafe stehen, mit einem eigenen vierbeinigen Sicherheitsteam ausstatten. So gern ich das manchmal hätte.

Meine sechs Rinder haben bislang keine „Bodyguards“. Nicht, weil sie es nicht verdient hätten, sondern weil mir noch Erfahrung fehlt. Bevor ich diesen Schritt gehe, will ich mir das nötige Wissen aneignen – im Interesse der Rinder und der Hunde.

Was selbstverständlich ist: fünf Litzen und ordentlich Strom. Wenn es nachts knistert, dann bitte im Zaun und nicht in der WhatsApp-Gruppe „Wolfssichtung“.

Und ja – wenn ein Wolf trotz nachweislich geschützter Herde über den Zaun springt und ein Rind verletzt oder einen meiner Herdenschutzhunde attackiert, dann würde ich klar den Abschuss dieses Tieres fordern.

Ist der Riss an einer geschützten Herde nachgewiesen, darf es aus meiner Sicht nicht möglich sein, das juristisch endlos auszudehnen. Auch im Interesse der Prädatoren, die gelernt haben, Abstand zu halten. Lernen funktioniert schließlich in beide Richtungen.

Die Zahlen sind leiser als jede Debatte

In Deutschland gibt es weniger als 1.000 Berufsschäfereien. Das ist keine mächtige Branche – das ist fast schon eine bedrohte Art.

Nur etwa 11 Prozent aller landwirtschaftlichen Betriebe werden von Frauen geführt.

Und wie viele Schäfereien von Frauen geleitet werden?Das weiß man nicht einmal genau. Diese Zahl wird nicht gesondert erfasst.

Wir feiern also ein Internationales Jahr der Frauen in der Landwirtschaft – ohne sagen zu können, wie viele Frauen eigentlich Tag für Tag mit ihren Herden draußen stehen.

Sichtbarkeit beginnt mit Zählbarkeit.Und wer nicht einmal statistisch existiert, bekommt politisch selten eine Stimme.

Die leise Mitte

Wenn ich morgens über die Weide gehe und sehe, dass alle Tiere ruhig fressen, dann ist das kein politisches Statement. Das ist Erleichterung.

Und wenn ein Zaun eine Nacht hält, fühlt sich das nicht nach Ideologie an – sondern nach guter Arbeit.

Ich weiß, dass ich nicht die Einzige bin, die so denkt. Aber die Mitte ist selten laut. Sie hat keine Plakate. Sie steht irgendwo auf einer Weide und überprüft den Zaun.

Der Wolf ist ein Thema. Aber er ist nicht das einzige, das die Schäferei gefährdet. Bürokratie, Wirtschaftlichkeit, Flächendruck, gesellschaftliche Erwartungen – all das nagt mindestens genauso an unserer Existenz.

Mit der Zeit gehen – aber nicht untergehen

„Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit.“

Vielleicht bedeutet das, Herdenschutz ernst zu nehmen.Vielleicht bedeutet es aber auch, endlich wieder miteinander zu reden, statt übereinander.

Wenn 2026 wirklich ein besonderes Jahr sein soll, dann nicht wegen der Überschriften.

Sondern weil wir uns entscheiden müssen, ob Schäferei in Deutschland Zukunft hat – oder nur noch Erinnerung ist.

Wir brauchen keine weiteren Themenjahre.Wir brauchen verlässliche Rahmenbedingungen.Rechtssicherheit. Planungssicherheit. Und die Bereitschaft, die Mitte ernst zu nehmen.

Applaus für Hirten ist nett.Aber davon hält kein Zaun.

Und ein Internationales Hirtenjahr ohne Hirten –das wäre dann wirklich schwarzer Humor.

 
 
 

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