Alles Wolle oder was?

Wer so wie ich viel draußen unterwegs ist, dem dürfte aufgefallen sein, dass es in den letzten Tagen nicht nur schneller dunkel wird. Es ist auch merklich kühler geworden.
Und während meinen Schafen seit dem Schurtermin im Sommer längst wieder ein ordentliches, wärmendes Wollvlies nachgewachsen ist, stehe ich mal wieder mit einem großen Fragezeichen im Gesicht vor meinem Kleiderschrank.
Rechtfertigen 10 Grad Außentemperatur schon den Lieblingswolltroyer? Oder darf es doch noch die typisch deutsche Übergangsjacke sein?
Ich entscheide mich – wie sollte es anders sein – für den Wolltroyer.
Und ganz insgeheim lächelt mein inneres Ich zufrieden vor sich hin. Endlich ist wieder Pulloverzeit!
Seit dem letzten Winter, der ja doch recht kalt und vor allem in Sachen Bekleidung im Zwiebelschichtsystem eine kleine Herausforderung war, trage ich, soweit es möglich ist, fast ausschließlich Wolle. Wollpullover, Wollsocken und Shirts aus Merinowolle haben inzwischen einen festen Platz in meinem Kleiderschrank.
Die Wollsocken habe ich sogar den ganzen Sommer über getragen. Und ich bin nach wie vor begeistert, wie wunderbar klimatisiert meine Füße damit unterwegs waren.
Man könnte also sagen, ich bin inzwischen ein ziemlich großer Fan von Wolle geworden.
Eigentlich wenig überraschend, wenn man bedenkt, dass ich tagtäglich von einigen hundert Wollproduzenten umgeben bin.
Nur einen Haken hat die ganze Sache.
Die Wolle auf meiner Haut stammt zu 99 Prozent nicht von meinen eigenen Schafen.
Während ich die Wolle meiner Herde inzwischen als Dünger verwende, sie als Sitzkissen im Auto und beim Hüten mit mir herumfahre und mich nachts unter meiner Schafwolldecke einkuschle, bleibt der Traum vom Pullover oder den Socken aus der Wolle meiner eigenen Schafe wohl vorerst genau das.
Ein Traum.
Und das ärgert mich.
Nicht etwa, weil meine Schafe keine schöne Wolle hätten. Ganz im Gegenteil. In meiner Herde laufen durchaus einige Tiere herum, deren Wolle sich wunderbar für die unterschiedlichsten Produkte eignen würde.
Aber zwischen einem Schaf mit einem schönen Wollvlies und einem fertigen Pullover liegen leider nicht nur ein paar Arbeitsschritte, sondern vor allem eine ganze Menge Geld.
Und bevor mich nun, wie heute Morgen erst wieder geschehen, eine Hobbyspinnerin eines Besseren belehren möchte, will ich die Gründe dafür hier noch einmal aufgreifen.
Denn zwischen dem liebevollen Verarbeiten einiger weniger Vliese am heimischen Spinnrad und der wirtschaftlichen Verwertung der Wolle einer größeren Schafherde liegen Welten.
Machen wir doch einfach mal eine kleine Rechnung auf.
Das Waschen und Kardieren meiner Wolle hat mich 35 Euro pro Kilogramm fertigem Kardenband gekostet.
Aus zwei großen Big Bags Rohwolle sind am Ende gerade einmal 25 Kilogramm Kardenband geworden.
Macht 875 Euro Verarbeitungskosten.
An der Rohwolle waren rund 60 Schafe beteiligt, deren Schur mich weitere 210 Euro gekostet hat.
Damit liegen wir bereits bei 1.085 Euro. Oder anders ausgedrückt: 43,40 Euro für ein Kilogramm Kardenband.
Und da ist noch kein Transport, kein Porto, keine Verpackung und vor allem keine einzige Stunde meiner eigenen Arbeitszeit eingerechnet.
Wer also 100 Gramm meiner kardierten Schafwolle kauft, für die allein schon 4,34 Euro an Schur- und Verarbeitungskosten angefallen sind, bekommt hoffentlich eine Vorstellung davon, warum heimische Schafwolle nicht für ein paar Cent zu haben ist.
Und wohlgemerkt: Wir reden hier immer noch von Kardenband.
Nicht von gesponnenem Garn, gestrickten Socken oder gar einem fertigen Wollpullover.
Wer nun glaubt, ich könnte aus diesen 25 Kilogramm Wolle einfach ein paar hübsche Pullover stricken lassen und damit ein kleines Vermögen verdienen, der vergisst, dass auch das Spinnen, Stricken und die weitere Verarbeitung Geld kosten.
Und zwar nicht wenig.
Hinzu kommt, dass ich die Wolle zunächst sortieren, sammeln, lagern, zur Verarbeitung bringen und anschließend auch noch vermarkten muss.
Das alles kostet Zeit. Zeit, die ich als Schäferin zwischen Tierkontrollen, Zaunbau, Hüten, Büroarbeit und den vielen anderen Aufgaben eines landwirtschaftlichen Betriebes schlichtweg nicht unbegrenzt zur Verfügung habe.
Natürlich könnte ich die Wolle auch selbst waschen, kardieren, spinnen und anschließend verstricken.
Vermutlich müsste ich dafür nur meinen Tag von 24 auf 48 Stunden verlängern.
Oder die Schafe bitten, sich künftig selbst zu hüten.
Und genau hier liegt für mich das eigentliche Problem.
Wir sprechen in Deutschland immer wieder über Nachhaltigkeit, regionale Produkte, kurze Transportwege und darüber, wie wichtig es ist, heimische Rohstoffe zu nutzen und regionale Wertschöpfung zu fördern.
Alles richtig. Alles wichtig. Und grundsätzlich bin ich auch der Meinung, dass wir genau dort ansetzen müssen.
Nur frage ich mich inzwischen, wie das eigentlich funktionieren soll, wenn es für einen heimischen Rohstoff wie Schafwolle kaum noch wirtschaftlich tragfähige Verarbeitungsstrukturen gibt.
Wir haben Schafe. Wir haben Wolle. Wir haben Menschen, die hochwertige Naturprodukte kaufen möchten.
Aber dazwischen fehlt es an bezahlbaren Möglichkeiten, aus diesem Rohstoff ein marktfähiges Produkt zu machen.
Die wenigen Betriebe, die Wolle noch waschen, kardieren oder verspinnen, müssen selbstverständlich ebenfalls wirtschaftlich arbeiten. Auch dort sind Energie, Personal und Maschinen nicht günstiger geworden.
Das Problem liegt also nicht bei den Menschen, die unsere Wolle verarbeiten.
Es liegt vielmehr darin, dass die gesamte Wertschöpfungskette inzwischen so teuer und aufwendig geworden ist, dass sie sich für viele Schäfereien schlichtweg nicht mehr rechnet.
Und während wir auf der einen Seite über Nachhaltigkeit und die Verwendung natürlicher Rohstoffe diskutieren, bleibt auf der anderen Seite ein Rohstoff liegen, der jedes Jahr aufs Neue nachwächst.
Und das Verrückte daran ist, dass wir Schäfer die Wolle nicht einmal einfach weglassen können.
Meine Schafe müssen ohnehin geschoren werden. Nicht, weil ich unbedingt Wolle verkaufen möchte, sondern weil die Schur bei unseren Wollschafen zur notwendigen Tierpflege gehört.
Die Kosten entstehen also unabhängig davon, ob ich die Wolle anschließend verkaufen kann oder nicht.
Früher war Wolle einmal ein wertvoller Rohstoff. Heute ist sie für viele Schäfereien eher ein Kostenfaktor.
Und selbst die vermeintlich einfache Alternative, die Wolle als natürlichen Dünger zu vermarkten, gestaltet sich schwieriger als gedacht.
Dabei ist Schafwolle als Dünger durchaus interessant. Sie enthält Nährstoffe, kann Wasser speichern und gibt ihre Nährstoffe vergleichsweise langsam ab.
Eigentlich eine wunderbare Möglichkeit, einem Rohstoff, der für die textile Verarbeitung nicht geeignet ist, eine sinnvolle Verwendung zu geben.
Aber auch hier ist die Realität ernüchternd.
Selbst der Schafwolldünger findet nur langsam Absatz.
Obwohl das Interesse an nachhaltigen Gartenprodukten und natürlichen Düngemitteln durchaus vorhanden ist, bedeutet das eben noch lange nicht, dass sich die Produkte anschließend auch verkaufen.
Denn auch Schafwolldünger muss hergestellt, verpackt, gelagert, beworben und verkauft werden.
Und am Ende steht wieder die Frage, ob der Kunde bereit ist, den Preis zu bezahlen, den ein solches Produkt kosten muss, damit sich die Herstellung überhaupt lohnt.
Es ist eben ein Unterschied, ob man ein regionales und nachhaltiges Produkt grundsätzlich gut findet oder ob man es dann auch tatsächlich kauft.
Und so stapelt sich die Wolle nicht selten erst einmal weiter, während ich mir Gedanken darüber mache, was ich mit dem nächsten Schurtermin und der nächsten Ladung Rohwolle anfange.
Dabei reden wir hier nicht über irgendeinen exotischen Rohstoff, der erst unter großem Aufwand um die halbe Welt transportiert werden muss.
Wir reden über die Wolle von Schafen, die direkt vor unserer Haustür stehen. Die unsere Deiche beweiden, Heideflächen offenhalten, Moore pflegen und damit ganz nebenbei einen wichtigen Beitrag zum Naturschutz und zur Landschaftspflege leisten.
Und deren Wolle am Ende kaum jemand haben möchte.
Ich finde, da läuft irgendetwas gewaltig schief.
Natürlich kann ich nicht erwarten, dass jeder Mensch künftig nur noch handgestrickte Wollpullover trägt oder für ein Paar Socken aus heimischer Schafwolle ein kleines Vermögen bezahlt.
Und ich möchte auch niemandem ein schlechtes Gewissen machen, weil er beim Einkaufen auf den Preis achten muss.
Das tue ich schließlich selbst.
Aber vielleicht sollten wir uns bei all den Diskussionen über Nachhaltigkeit und regionale Wertschöpfung auch einmal die Frage stellen, was uns diese Dinge tatsächlich wert sind.
Denn regionale Wertschöpfung entsteht nicht allein dadurch, dass wir sie uns wünschen oder auf irgendwelche Broschüren schreiben.
Sie braucht funktionierende Strukturen, Verarbeitungsmöglichkeiten und vor allem Menschen, die bereit sind, die daraus entstehenden Produkte auch zu kaufen.
Und sie muss für diejenigen, die den Rohstoff erzeugen, am Ende ebenfalls wirtschaftlich sein.
Von romantischen Vorstellungen über glückliche Schafe, flauschige Wolle und handgestrickte Pullover kann ich weder meine Tiere versorgen noch meine Mitarbeiter bezahlen.
So schön diese Vorstellung auch sein mag.
Und so stehe ich also auch in diesem Herbst wieder vor meinem Kleiderschrank, ziehe meinen geliebten Wolltroyer über und freue mich darüber, wie wunderbar warm und angenehm dieses Material ist.
Während draußen auf der Weide einige hundert Schafe stehen, die mir jedes Jahr aufs Neue genau diesen Rohstoff liefern.
Nur eben nicht für meinen Pullover.
Vielleicht wird sich das irgendwann ändern. Vielleicht schaffen wir es ja doch noch, der heimischen Schafwolle wieder den Wert zu geben, den sie verdient.
Bis dahin bleibt mir zumindest die Gewissheit, dass meine Schafe einen ziemlich guten Geschmack haben, was ihre Winterbekleidung angeht.
Denn während ich noch überlege, welchen Wollpullover ich anziehe, tragen sie längst wieder Maßanfertigung.
Und das auch noch aus eigener Produktion.


Kommentare