Wolfsprävention – oder: Warum ich nachts eher Zäune zähle als Schafe
- nadinequinn7
- vor 5 Tagen
- 3 Min. Lesezeit

Mein letzter Post zum Herdenschutz ist sieben Tage her.
Und wer glaubt, dass mich das Thema genau vor einer Woche zuletzt beschäftigt hat, der glaubt vermutlich auch, dass Wölfe vorher höflich anrufen.
Wie kein anderes Thema ist der Schutz meiner Herde dauerhaft in meinem Kopf präsent. Andere zählen Schäfchen zum Einschlafen – ich rechne Litzen, Erdung und Stromspannung durch. Die aktuelle politische Lage sorgt dabei nicht gerade für beruhigenden Tiefschlaf.
Wer Lust auf einen spannenden Abend hat, kann sich in der Mediathek des Deutschen Bundestags die Anhörung zur Überführung des Wolfes ins Jagdgesetz anschauen. Popcorn braucht man nicht – die Realität ist bitter genug.
Dort haben Berufskollegen gesprochen. Und sie haben sich kritisch zur Aufnahme des Wolfes ins Jagdrecht geäußert. Vielleicht sollte der ein oder andere, der hier gern Parolen wiederholt, einmal zuhören – es könnte passieren, dass Fakten dazwischenfunken.
Wie meine Kollegen bin auch ich der Meinung:
Wir brauchen keinen Wolf im Jagdgesetz.
Mir würde es vollkommen reichen, wenn sogenannte Schadwölfe – also Tiere, die trotz zumutbarem Herdenschutz wiederholt Nutztiere reißen – zeitnah entnommen werden. Punkt. Kein ideologisches Feuerwerk, kein politisches Theater. Einfach pragmatisch.
Die Regulierung nach Bestandszahlen funktioniert bei anderen Arten ja bekanntlich auch eher so mittel. Man betrachte nur die Wildschweinrotten, die inzwischen selbstbewusst deutsche Großstädte erkunden. Offensichtlich haben sie die Abschusspläne nicht gelesen.
Und eine pauschale Bestandsregulierung berücksichtigt eben nicht die Rudel oder Einzeltiere, die sich von Herden fernhalten. Genau das ist für mich zentral.
Wir haben diesen Winter den Großteil der Zeit in einem Wolfsgebiet verbracht – und wir sind mit dem Großteil der Herde noch immer dort unterwegs.
Das dort ansässige Rudel hat uns in Ruhe gelassen. Vielleicht gab es an einem Tag Besuch – denn an diesem Tag standen auf dem GPS-Tracker der Herdenschutzhunde statt der üblichen 3 km ganze 15 km. Das war zwischen Weihnachten und Neujahr und wir sind mit der Herde kurze Zeit danach innerhalb des Gebietes weitergezogen.
Würde man nun aus genau diesem Rudel ein Tier schießen, wäre das nicht nur sinnfrei – es könnte sogar problematisch werden. Eine zerstörte Rudelstruktur kann erst recht zu Übergriffen führen. Manchmal ist weniger Aktionismus mehr Sicherheit.
Und bevor wieder jemand glaubt, ich würde hier fremdfinanzierte Meinung vertreten:
Mein Betrieb finanziert sich weder aus Spendengeldern noch aus Patenschaften von Wolfsfreunden. Ich arbeite weder für den NABU noch für sonst eine Organisation. Meine Zäune baue ich selbst – auch gedanklich. Meine Meinung ist nicht gepachtet.
Was man allerdings nicht von allen Akteuren behaupten kann. Wenn Vertreter der Landesjägerschaft oder des Bauernverbandes lautstark im Namen der Weidetierhalter sprechen, lohnt sich ein zweiter Blick. Jagdpächter mit sinkenden Wildbeständen oder Sorgen um künftige Flächenverpachtungen haben nachvollziehbare Interessen. Mit der Sicherheit meiner Herde hat das allerdings oft wenig zu tun.
Denn wer es ernst meint mit dem Schutz von Weidetieren, würde sich stärker für Präventionsförderung einsetzen – und zwar für alle Betriebe. Auch für Rinder- und Pferdehalter. Sicherheit endet nicht bei der Wollproduktion.
Vielleicht lebe ich in einer Bubble. In dieser Bubble haben viele verstanden, dass eine Reduzierung des Wolfes nach Tierzahlen uns keinerlei Arbeit erspart. Zwei oder zehn Wölfe in der Nachbarschaft – der Aufwand bleibt derselbe:
Strom.
Zaun.
Erdung.
Hunde.
Reaktion bei Nachweisen.
Der Wolf fragt nicht nach Statistik, er reagiert auf Gelegenheit.
Was sich allerdings ändern könnte, wenn der Wolf ins Jagdrecht wandert, ist die Unterstützung für Prävention. Und dann? Dann haben wir weiterhin Wölfe in der Fläche – aber weniger Förderung für Zäune, Hunde und Arbeit.
Das wäre in etwa so, als würde man die Feuerwehr abschaffen und hoffen, dass es weniger brennt.
Wer als Weidetierhalter also die Überführung ins Jagdgesetz fordert, erweist sich selbst einen Bärendienst. Und ja – der Bär ist hier nur sinnbildlich gemeint. Nicht, dass wir noch ein neues Gesetz brauchen.
Wie sähe für mich sinnvolles Wolfsmanagement aus?
Verpflichtende Prävention für alle Weidetierhalter – egal ob 2 oder 2000 Tiere
Förderfähigkeit für alle Weidetierarten, inklusive Rind und Pferd
Zeitnahe Entnahme von Schadwölfen (Ansitz am Kadaver in der Folgenacht durch Berufsjäger)
100 % Kostenübernahme für den Unterhalt von Herdenschutzhunden
Erleichterte Erlösung verletzter oder schwer erkrankter Wölfe (z. B. nach Verkehrsunfällen oder bei Räude)
Weiterbildungsangebote zur Prävention
Viele dieser Punkte wären heute schon möglich. Sie werden nur nicht konsequent umgesetzt.
Ein Dauerbrenner in jeder Diskussion: Herdenschutzhunde.
Um es klar zu sagen: Gut ausgebildete Herdenschutzhunde sind ein wichtiger Teil der Lösung – aber nicht die alleinige. Sie sind keine Superhelden im Fellmantel.
Hier im Betrieb handeln wir, bevor es knallt. Wenn absehbar ist, dass Wölfe beginnen, die Hunde zu testen, warte ich nicht auf den Ernstfall. Ich schicke meine Hunde nicht sehenden Auges in einen Kampf.
Haben wir Wolfsdruck – zieht die Herde weiter.
Abwarten kann fatal sein. Prävention ist kein Wunschkonzert, sondern aktives Management.
Herdenschutz ist individuell. Aufwendig. Kräftezehrend.
Aber alternativlos.
Oder wie es so schön heißt:
Wer nicht will, findet Gründe.
Wer will, findet Möglichkeiten.
Und ich habe mich entschieden, Möglichkeiten zu finden – auch wenn ich dafür nachts lieber Litzen zähle als Schäfchen.


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